Tränen in der Ziellinie L’Étape du Tour

Tränen in den Augen. Atemlos. Sprachlos. Unheimlich erleichtert. So fühlte ich mich am Sonntag, als ich nach knapp 10 Stunden über die Ziellinie der L’Étape du Tour bretterte. Hinter mit lagen 169km mit über 4000 Höhenmetern – 10 Stunden voller Begeisterung, Dankbarkeit und Leidenschaft, aber ehrlicher Weise auch einer Menge Zweifel, ein paar Tränen und kurzzeitig blanker Panik. Aber fangen wir von vorne an.

Ich, Nora, habe am 30. Juli 2017 das erste Mal ein Rennrad bestiegen. Wie ihr bestimmt schon in meinen letzten Beiträgen gelesen habt, bin ich seit März Teammember beim Team Alpecin – und durfte 3 Monate mit dem Material der Profis nach Trainingsplan trainieren. Unser Saison-Highlight dieses Jahr sollte die L’Étape du Tour werden. 10 Tage vor den Profis fuhren wir die Etappe von Annecy nach Le Grand-Bornard fahren, durch die malerisch schönen französischen Alpen.

Freitag nachmittag stieg ich in den Flieger nach Genf und dann ging es mit dem Shuttle weiter in unser Team-Lodge in der Nähe von La Clusazs. Die Freude, meine Teamkollegen, meinen Trainer Flo, und natürlich das tolle Organisations-Team wieder zu treffen, hätte nicht größer sein können – noch dazu hatten wir zwei eigene Köche, die uns die nächsten Tage mit dem optimalen Wettkampf-Food verwöhnen sollten! Nach einem sehr Carb-lastigen Abendessen baute ich noch mit unserem Team-Mechaniker mein Rad zusammen – und knackte bereits mein erstes Ziel: meine Kette und Kassette waren mit Abstand die saubersten! Beinahe etwas zu sauber: ich hatte vor dem verpacken in meiner Bike-Box auch sämtliches Öl aus den Fugen herausgeputzt. Würde das Fahrrad bei unserer Probefahrt morgen funktionieren?

Photo by Bengt Stiller

Samstag lief alles nach Plan: meine Kette machte keinen einzigen Mucks, ich merkte sofort, dass ich mich trotz der ungewohnten Umgebung auf meinem Rad wie zuhause fühlte und mir keine Sorgen machen müsste. Auch wenn ich nicht ganz so schnell abfahre wie die anderen, konnte ich am Berg und in der Ebene locker mit ihnen mithalten – das war in Kaltern noch nicht so! Das harte Training hatte also schon seine Wirkung gezeigt! Doch dann: Schock. Maddie, mit der ich mich von Anfang an super verstanden habe und die, wie ich, auch erst letztes Jahr begonnen hat, stürzte. Genau das, wovor ich beim Abfahren immer so große Angst hatte, trat ein! Maddie hat in den letzten Monaten genau so hart trainiert wie ich und grade sie hat es erwischt. Wie sollte ich am nächsten Tag 4000 Höhenmeter Abfahrt schaffen? Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, was der Unfall in meinem Kopf angerichtet hat.

Doch für mich ging es nun weiter nach Annecy: in der L’Étape- Village sammelten wir unsere Startnummern ein und genossen die wirklich malerisch schöne Stadt und den angrenzenden See. Und bald erreichte uns auch eine erleichternde Nachricht: unserer Team-Kollegin ging es, den Umständen enstprechend gut und wir würden sie schon am Abend im Lodge wiedersehen. Mit einem großen aber: der Arzt hatte ihr verboten, beim morgigen Rennen zu starten. Nun waren wir also nur noch 3 Mädels… Lude, unser Mentor bereitete uns bei einem letzten Meeting allerdings perfekt vor, die Nervosität hielt sich nach dem Schock zu Mittag in Grenzen und so konnte ich auch noch die Paella genießen, bevor es sehr Früh ins Bett ging.

Mein Wecker klingelte nämlich um 3 Uhr morgens. Dann ging alles ganz schnell: Zähne putzen, Sonnencreme, rein in die Radsachen, das gewohnte Pre-Race-Breakfast, gefühlt 7 Toilettenbesuche (eventuell wurde ich dann doch nervös! ), rein in den Shuttle und auf nach Annecy. Unser Mechaniker hatte am Vorabend letzte Vorbereitungen getroffen, die man vor keinem Rennen vergessen darf:
- Schläuche und Mäntel waren top in Schuss
- Reifendruck wurde für das Streckenprofil optimal adjustert (4,5 bar)
- Batterien wurden gecheckt und getauscht
- In unserer Satteltasche war ein Ersatzschlauch, Reifenheber und ein Multi-Tool

Diese Checkliste sollte sich jeder über dem Bett einrahmen – schließlich möchte ja niemand ein Rennen wegen eines technischen Defekts abbrechen müssen! Und dann fuhren wir uns in Richtung Startbereich auch schon warm.

Photo by Bengt Stiller

Wusstet ihr, wie kühl es morgens trotz einer 30-Grad-Wetterprognose sein kann? Ich war wirklich mehr als froh, mich in meine SportScheck-Jacke mummeln zu können und habe diese, kurz bevor es losging, einfach an unsere Betreuer weiter gegeben. So hatte ich auf der Fahrt keine unnötige Balast bei mir: meine Taschen waren schließlich vollgestopft mit Riegeln und Gels. Und dann setzte sich unser Startblock in Bewegung…

Photo by Sportograf

Los ging es um den Lac d’Annecy - ich kurbelte gemütlich dahin und plauderte mit unserem
Fotografen. Schließlich hatte uns unser Trainer eingebläut, uns nicht gleich zu Beginn auszupowern. Immer wieder fand ich Gruppen, deren Tempo für mich passte, sodass ich im unteren Pulsbereich fahren konnte. Um 7 Uhr war es auch noch recht frisch, sodass ich erstmal wieder halbwegs warm werden musste. Der erste kleine Anstieg folgte nach ca. 30 km. Im Streckenprofil fiel er neben den beeindruckenden Pässen, die auf uns warteten kaum auf - aber wer sich hier überanstrengte, sollte spätestens auf dem übernachsten Anstieg zum Plateau des Glières Probleme bekommen.

Photo by Frits van Eldik / Bicycling.nl

Bei der ersten Labestation legte ich einen Zwischenstop ein und füllte meine Flaschen auf. Vor mir lag der Col de la Croix Fry - 11km mit 7% Steigung im Schnitt. Von allen Anstiegen, die noch auf mich zukommen sollten, bestimmt der humanste. Aber länger als jeder andere Pass, den ich bislang gefahren bin! Noch einmal tief durchatmen, rauf auf den Sattel, kräftig in die Pedale getreten und los ging es - und der Berg war wunderschön! In den kleinen Bergdörfchen wie Manigod waren bereits Zuschauer, die uns bei ihrem Morgen-Kaffee anfeuerten. Die Straße war in einem fantastischen Zustand und ich fuhr nicht zu schnell, schließlich wollte ich den Ausblick und die Athomspäre in den französischen Alpen etwas genießen, jetzt, wo es noch nicht so heiß und ich noch ganz frisch war!

Photo by Sportograf
Photo by Sportograf
Photo by Sportograf

Berg Numero Uno war geschafft und oben traf ich sogar meine Teamkollegen Tim, Arne, Les und Rens! Nach einer gemütlichen Abfahrt durch La Clusazs stand mir der zweite Pass bevor, vor dem ich den größten Respekt hatte: Der Anstieg zum Plateau des Glières. 6 km mit 11,2% Steigung - im Durchschnitt! Die Straße war hier eher schmal und im 3 Minuten Takt fuhren auch noch Motorräder des Veranstalters an uns vorbei. Meine Beine begannen nach 2 km das erste Mal zu zwicken. Es fühlte sich an, als würde ich durchgehend den steilen Beginn meines Hausbergs fahren. Am Straßenrand schoben die Ersten. Kurz darauf sollte ich auch schieben: direkt vor mir stürzten zwei Männer, links gab es nur den ungeschützten, steilen Bergabhang, rechts hatte ich keinen Platz, vorbei zu kommen, also klinkte ich aus und blieb stehen.

Ich war auf der linken Seite, anfahren tut man für gewöhnlich rechts, um andere Teilnehmer nicht zu gefährden. Mein Wahoo zeigte eine Steigung von 14% an, weit und breit gab es kein Loch, um auf die rechte Seite zu kommen, also schob ich ein Stückchen, um einen Platz zu finden, der nicht zu steil zum Anfahren war - entlang der schmalen Kante, die die Straße vom Abhang trennte. Langsam bekam ich eine Art der Panik, wie ich sie bislang noch nicht kannte. Was, wenn sich die nächsten Kilometer kein Platz zum Anfahren finden ließ? Ich abrutschte und in die Tiefe fiel? Oder ich beim Anfahren stürzte? Meine Hände wurden zittrig und ich spürte, wie mir das Wasser in die Augen stieg.

In meinem Kopf ließ sich kein Gedanke mehr so recht ordnen, da blieb auf einmal ein kleines Loch und ich konnte auf eine Ausbuchtung der Straße wechseln. Dort standen einige andere, die ausgeklinkt hatten und fuhren nach und nach an. Einer der Wartenden sah, dass es mir nicht gut ging. Er schnappte mein Fahrrad, sagte mir auf französisch, dass ich mich kurz hinsetzen sollte, um etwas Wasser zu trinken. Und dann machte er einen Witz - keinen guten, nichts besonderes, aber es brachte mich auf andere Gedanken und ich musste Grinsen. Sofort merkte ich, wie mein Körper wieder Glückshormone ausschüttete und die Angst abnahm. Ich stand auf, schnappte mir mein Fahrrad und klinkte beim ersten Versuch sofort ein.

Photo by Sportograf // Ich fahre am liebsten meine eigene Linie!

Irgendwann war es dann geschafft, ich hatte die Bergwertung erreicht, und nun kam das Gravel-Stück, auf das ich mich am meisten gefreut habe! Vom Feeling ähnelte es der Strade Bianche und ließ super fahren - auch in Wien waren die Gravel-Einheiten immer ein Highlight für mich: mit meinem Canyon Endurace CF SLX fuhr ich hin und wieder sogar die flachen MTB-Trails!

Canyon Endurance Gravel

In Gedanken verfluchte ich noch einmal denjenigen, der es für eine gute Idee gehalten hatte, eine so schmale und steile Straße wie diese zu bauen, schnappte mir frisches Wasser bei der Labestation und machte mich auf meine 13 Kilometer lange Abfahrt, die von einem weiteren kleinen Berg und einem recht langen, flachen Stück zu den letzten 2 Pässen führte.

Photo by Sportograf
Photo by Sportograf

Nun wurde es richtig heiß: Mein Wahoo zeigte 32 Grad an, die Mittagssonne wärmte Asphalt und Steine so richtig auf und die Plätze im Schatten waren heiß umkämpft, wenn es überhaupt welche gab. Die Riegel und Gels, die ich sonst so gerne aß, schmeckten mir spätestens ab Nummer 15 nicht mehr so besonders, das Wasser in meinen Flaschen sorgte auch nicht mehr wirklich für Erfrischung, die mit Kohlenhydraten versetzte Mischung in Flasche 2 war aufgrund der Temperatur kaum mehr trinkbar.

Der Col de Romme mit 9 km und 8,8% Steigung im Schnitt forderte Tribut, immer mehr Teilnehmer lagen an den wenigen Schattenplätzen am Straßenrand. Knapp 130 km war ich nun unterwegs, meine bislang längste Ausfahrt und Probleme machten Körperteile, die ich bislang beim Radfahren noch nie gespürt habe: mein Kreuz und meine Arme. Irgendwann war es bei der recht knackigen Steigung aufgrund der Schmerzen nicht mehr möglich, zu meiner Trinkflasche zu greifen, doch mir wurde schwindelig und so fuhr ich rechts ran.

Photo by Sportograf

Die letzte Stunde hatte niemand in meiner Nähe ein Wort gesprochen, die Luft war heiß und still, hin und wieder hörte man, wie sich jemand verschaltet oder ein knarzendes Tretlager - und so freute es mich umso mehr, als ein sehr großer, bärtiger Mann rechts neben mir meinte “Oh, it’s you again!”

Wir sind uns scheinbar auf dem flachen Stück immer wieder begegnet, doch nun fehlten uns
beiden einiges an Flüssigkeit und Zucker. Ich gab ihm einen Riegel von meinem Vorrat, zog mir die Kappe unter dem Helm aus und wir beschlossen, die restlichen Kilometer bis zum Gipfel gemeinsam zu fahren. “All I want to do is to finish this damn Col as fast as possible.” - das dachte ich mir auch, schließlich war die Hitze und die Stille kaum mehr auszuhalten. Also quatschten wir (oder besser gesagt ich quatschte, er ächzte), bis wir es nach oben geschafft hatten, und ich wünschte ihm bei der Abfahrt noch ein sicheres Rennen.

Photo by Sportograf

Plötzlich sah ich zwei rot-blaue Trikots aufblitzen: Markus und Laura, die ich bisher noch gar nicht gesehen hatte, düsten auf der Abfahrt an mir vorbei. Ich wollte einfach nur sicher zum letzten Anstieg kommen, behielt mein Tempo bei, auf dem Weg zum Col de la Colombière könnte ich sie vielleicht noch einmal einholen. Und tatsächlich, so war es auch: ich hatte mir meine Energien gut eingeteilt und konnte noch ordentlich in die Pedale steigen. Ich blieb einfach auf der linken Seite und konnte am Feld vorbei ziehen, hier war auch mehr als genug Platz, ich fühlte mich sicher und gut. Wenn ich eine Lücke fand, ordnete ich mich ein, um noch ein bisschen Energie zu sparen. Ich musste einfach grinsen: bald, ganz bald, war es geschafft!

Photo by Sportograf

Nun ging es in die 15 km lange Abfahrt in den Zielort Le Grand Bornard - ich dachte mir nur: Du hast es fast geschafft! Jetzt nicht mehr fallen! Und genoss noch ein letztes Mal die komplett abgesperrten Straßen.

Photo by Sportograf
Photo by Sportograf

Das harte Training der letzten Monate war es wert gewesen. Ich rollte nach 10 Stunden und ein paar Zerquetschten sicher in Ziel.

Photo by Sportograf

Ein fantastischer Tag auf dem Rad ging zu Ende und die Gefühle der letzten Stunden überrollten mich. Vor allem war ich aber eins: Verdammt stolz! Kaum ein Jahr im Sattel und ich habe tatsächlich eine der schwierigsten Etappen der diesjährigen Tour de France gemeistert!

Beim Abschluss-Grillen am Abend bekamen wir alle ein gelbes Trikot. Wir haben zwar nicht das Rennen gewonnen, aber jeder von uns konnte heute einen kleinen Sieg über sich selbst einfahren - ob Arne, Laura oder ich als Rennrad-Rookies oder Franky und Stefano, die beide die selbe Zeit gefahren sind und es damit in die Top-1000 geschafft haben!

Team Alpecin in den französischen Alpen: Ride to L'Étape du Tour 2018
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