Hochtourenkurs am Pitztaler Gletscher: Klettern zwischen Eis und Schnee

Je höher, desto besser? Klettersport liegt voll im Trend und ist zum absoluten Breitensport avanciert. Sabrina aka BeRoSa Go Green hat sich eine neue Challenge gesetzt: Eisklettern lernen. So erging es ihr beim vivalpin Hochtourenkurs.
Bergung aus der Gletscherspalte beim Hochtourenkurs von Vivalpin

Dieser Beitrag ist in freundlicher Zusammenarbeit mit Sabrina entstanden.

Im Juni durfte ich an einem Hochtouren Einsteigerkurs der SportScheck Bergschule vivalpin teilnehmen – auf dem Programm standen Sturzübungen, Eisklettern, Gehen mit Steigeisen, Knotenkunde, Bergung aus Gletscherspalten und Tourenplanung. Mit Abstand der lehrreichste Kurs, an dem ich je teilgenommen habe.

Vorbereitung: der Materialcheck

Gestartet sind wir bei der Talstation des Pitztaler Gletschers. Insgesamt waren wir sieben Kursteilnehmer, was genau die richtige Anzahl war. Ich war froh, dass wir eine doch recht überschaubare Gruppe waren, so bekam auch wirklich jeder die Möglichkeit auszuprobieren, Fragen zu stellen und zu üben.

Gemeinsam mit unserem Bergführer Christian haben wir einen ausgiebigen Materialcheck inklusive theoretischer Einführung gemacht. Eigenes Equipment wurde auf Vollständigkeit und Tauglichkeit geprüft, fehlendes Material durch Leihausrüstung ergänzt. Prinzipiell ist es in diesem Einsteigerkurs nicht notwendig, das gesamte Equipment selbst zu besitzen. Das gesamte benötigte Material (abgesehen von Rucksack und Schuhen) kann bei vivalpin ausgeliehen werden.

Sabrina beim Hochtourenkurs
Sabrina (links) und vivalpin Bergführer Christian

Zum Material gehören:

•   (bedingt) steigeisenfeste Bergschuhe

•   ein 30-40L Tagesrucksack (idealerweise mit Befestigungsmöglichkeiten für Eispickel)

•   Klettergurt / Anseilgurt

•   Steigeisen (passend für die Schuhe)

•   Eispickel

•   2 Seilstücke

•   Kletterhelm

•   2 Schraubkarabiner

•   2 Schnappkarabiner

•   2 Bandschlingen

•   Eisschrauben

•   Wanderstöcke

Ich muss gestehen, dass ich mich anfangs wirklich gefragt habe, für was wir eigentlich so viel Zeug brauchen. Im Laufe der nächsten Tage wurde mir aber klar, dass es sich hierbei sogar um eine sehr minimalistische Ausrüstung handelt.

Der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte

Next Stop: Materialseilbahn. Nachdem wir bis zur Braunschweiger Hütte, unserem Basislager für die nächsten vier Tage, auch noch über 1.000 Höhenmeter aufsteigen mussten, waren wir alle sehr froh darüber, dass wir das schwere Material nach oben transportieren lassen konnten. Hier wurde zum Glück alles gut durchdacht und geplant.

Materialcheck und Materialseilbahn
Ausblick von der Braunschweiger Hütte

Während des Aufstiegs mussten wir einige kleine Schneefelder queren, was unser Bergführer gleich zum Anlass nahm, um uns in das Thema „Gelände richtig lesen“ einzuführen. Wir haben außerdem auch das richtige Gehen auf Schnee und Fels geübt. Mein erstes Aha-Erlebnis. In Wahrheit bin ich auf glatten Felsen bis zu diesem Zeitpunkt immer „falsch“ bzw. zu vorfußlastig gegangen – und das obwohl ich schon seit Jahren auf Berge kraxle…

Auf der Braunschweiger Hütte haben wir in einem gemischten Matratzenlager geschlafen. Die Hütte ist wahnsinnig gut ausgestattet und erinnert fast schon an eine Pension. Halbpension exklusive Getränke ist im Kurspreis übrigens inbegriffen. Nach dem Aufstieg standen am ersten Tag nur noch ein wenig Theorie, das Anpassen der Anseilgurte sowie die Planung für den kommenden Tag auf dem Programm.

Auf ins Eis

Am zweiten Tag sind wir nach dem Frühstück gleich los. Zuerst haben wir das Stürzen mit und ohne Eispickel geübt. Der Karlesferner, der Gletscher direkt vor der Braunschweiger Hütte, eignet sich aufgrund seiner wenig gefährlichen flachen Ausläufe besonders gut für Übungszwecke. Das Stürzen war für mich auch eine sehr bereichernde Erfahrung. Auch wenn es anfangs ein wenig komisch ist, sich am Bauch rutschend ein Schneefeld hinunterstürzen, bin ich am Ende doch mit einem sehr sicheren Gefühl aus dieser Übung rausgegangen. Jetzt weiß ich nämlich, wie ich selbst beim Abrutschen auf hartem Schnee eine Bremsung einleiten kann (Handschuhe sind an dieser Stelle SEHR empfehlenswert ;-)).

Vorübungen fürs Eisklettern
Übungen mit dem T-Anker
Steigeisen

Der zweite Tag war jedenfalls der intensivste Tag. Wir haben neben den Sturzübungen gelernt, wie man mit Steigeisen und in der Seilschaft geht, wie man einen T-Anker baut, und wie man im Eis klettert. Das Gehen mit den Steigeisen war zwar für mich keine gänzlich neue Erfahrung, dafür beeindruckte mich der T-Anker umso mehr. Der Eispickel wird nämlich nicht nur als Gehhilfe im steilen Gelände oder als Unterstützung beim Sturzbremsen verwendet, sondern dient auch als Anker bei der Bergung. Ich hätte niemals gedacht, dass ein korrekt eingegrabener Eispickel so viel Zug aushält – sechs Menschen haben es unter Einsatz ihrer gesamten Kraft nicht geschafft, diesen Anker aus dem Schnee zu reißen.

Dann sind wir zum Eis aufgebrochen. Das Eisklettern lag mir ehrlich gesagt ein bisschen schwer im Magen… Ich bin zwar die Erste, die „HIER“ schreit, wenn es darum geht, sich freiwillig in eine Gletscherspalte zu stürzen, aber beim Anblick der glatten, fast senkrecht nach oben führenden Eiswand bekam ich dann tatsächlich weiche Knie. Am Ende entpuppte sich das Eisklettern aber als einfacher als gedacht. Hat man mal die Technik raus, ist alles nur noch halb so schlimm. „Ordentlich reinhauen“ ist die Devise. Solche Techniken kann man eben wirklich nur in einem Kurs in sicherer Umgebung anständig lernen.

Bergung aus Gletscherspalten

Den dritten Tag widmeten wir ganz der Bergung aus Gletscherspalten. Am Abend davor haben wir noch den Prusikknoten gelernt. Dieser Knoten ist essentiell für eine sichere Bergung aus der Gletscherspalte. Überhaupt ist die korrekte Abfolge von Handgriffen, Zwischensicherungen und Knoten hier wirklich wichtig. Zuerst haben wir im Flachen geübt, dann im steilen Gelände und zuletzt haben wir den Ernstfall geübt: Die Bergung aus der Gletscherspalte.

Vorbereitung einer Bergung an der Gletscherspalte
Die Vorbereitungen für Sabrinas Bergung laufen
Der beste Moment war definitiv, als ich dein Gesicht am Abgrund gesehen habe und du mir gesagt hast, dass ihr mich da jetzt rausholt!

So lautete meine Antwort auf die Frage, wie es denn so in der Gletscherspalte gewesen ist. Ich hatte zwar wirklich niemals Angst, weil ich meiner Seilschaft zu 100 Prozent vertraute. Aber das eigene Zeitgefühl spielt einem Streiche, wenn man da so ganz alleine in der Gletscherspalte herumhängt. Neben mir rauschte das Gletscherwasser vorbei – ich habe nichts gehört, wusste nicht, wie weit mein Team bei der Vorbereitung der Bergung ist, wie lange es noch dauern wird, konnte mit niemanden sprechen. Ich rutschte beim Hängen einige Male ein paar Zentimeter nach unten, weil sich das Seil durch den Schnee bohrte – was natürlich sehr überraschend kam, man hängt ja nicht alle Tage in ner Gletscherspalte… Diese Erfahrungen zeigten mir, wie wichtig das Vertrauen in die eigenen Seilschaft und deren Fähigkeiten ist. Andernfalls wäre ich wahrscheinlich SEHR nervös geworden. 

Ich kann daher wirklich nur empfehlen, so einen Kurs zu machen. Wenn man die Gefahren nicht präsentiert bekommt, unterschätzt man diese schnell. Wenn ich nur daran denke, wie unbeschwert und gedankenlos ich in der Schweiz vor ein paar Jahren über den Gletscher marschiert bin… Gänsehaut!

Abschluss mit Gipfel

Abgeschlossen haben wir den Kurs am letzten Tag natürlich mit einer Hochtour. Die Tour auf den 3.277m hohen Linken Fernerkogel haben wir mit dem Wissen der letzten Tage selbst geplant, mithilfe von Karten die Marschzeit berechnet und die genaue Route eingezeichnet. Das Berechnen der Marschzeit war für mich auch neu. Ich habe sowas immer pi mal Daumen abgeschätzt – jetzt weiß ich es besser. Allgemein weiß ich jetzt so viel mehr. Anfangs habe ich ja schon erwähnt, dass ich noch in keinem Kurs so viel mitnehmen konnte. Der Hochtourenkurs von vivalpin war wirklich einer, wenn nicht sogar der beste Kurs, den ich je besucht habe.

Gipfelbesteigung bei Schnee und Eis

Wichtig: Auch wenn man für diesen Hochtourenkurs keinerlei Vorerfahrungen in Bezug auf hochalpine Touren mitbringen muss, sollte man natürlich trotzdem körperlich fit, trittsicher und schwindelfrei sein – Grundvoraussetzungen.

Diese Beiträge könnten dich auch noch interessieren