Eine echte Kämpferin: Zeina Nassar im Interview

Zeina Nassar hat erkämpft, dass Frauen in Deutschland mit Kopftuch in den Boxring steigen dürfen. Dafür haben wir sie mit dem MADE FOR MORE AWARD in der Kategorie Fighter ausgezeichnet. Im Interview erzählt sie, was sie antreibt, welche Ziele sie hat und wie sie Kritikern gegenübertritt.
Zeina Nassar beim Made For More Award

Es ist der 2. Februar 2019. Zeina Nassar, amtierende deutsche Meisterin im Boxen in der Kategorie Federgewicht, wurde vor wenigen Augenblicken mit dem MADE FOR MORE AWARD ausgezeichnet. Die 20-jährige Berlinerin strahlt, als sie in goldenem Kleid, Sneakern und schwarzem Kopftuch von der Bühne tritt und Nikeata Thompson zum Interview trifft. Den Award presst sie stolz an sich.

„Du hast gewonnen, weil du Dinge verändert hast“

Nikeata Thompson: Congratulations, Girl! Wie fühlt sich das an, den Made for More Award mit nach Hause zu nehmen?

Zeina Nassar: Ich kann das gar nicht richtig beschreiben. Ich bin einfach unglaublich glücklich und hätte überhaupt nicht damit gerechnet. Ich dachte mir, es gibt so viele tolle Geschichten, tolle Frauen und Top-Athleten, warum gerade ich?

Zeina Nassar auf der Bühne beim Made for More Award

Warum du? Du hast sehr viel durchgesetzt und die Regeln geändert! Das gab es bisher noch nicht, dass jemand mit Kopftuch Boxen durfte. Deswegen hast du auch gewonnen, weil du Dinge verändert hast. Das ist unglaublich, das ist toll, das ist MADE FOR MORE. Ist dir das bewusst?

Zeina: Mir ist mittlerweile bewusst, dass ich ein großes Vorbild für viele andere bin und ich möchte halt nicht aufs Äußere reduziert werden. I’m not just a boxer! Ich find es total gut, dass die Wettkampfbestimmungen geändert wurden. Ich nehme jeden Tag Herausforderungen an und weiß, dass wirklich alles möglich ist, wenn ich mir ein Ziel setze und alles dafür tue, um das auch zu erreichen.

Lasst euch niemals von jemandem sagen, dass ihr etwas nicht erreichen werdet.

Das will ich weitergeben, diese Werte sollen einfach vermittelt werden. Lasst euch nicht unterkriegen! Lasst euch niemals von jemandem sagen, dass ihr etwas nicht erreichen werdet. Und jetzt ist mein Ziel eben, die internationalen Wettkampfbestimmungen zu ändern. Erstens, damit ich zu Olympia kann, und zweitens, damit auch alle anderen Frauen die Möglichkeit dazu haben. Es gibt super talentierte Frauen, die jetzt gerade einfach noch nicht Boxen dürfen.

Zeina Nassar boxt mit Kopftuch

Das heißt, du darfst bei der Olympiade nicht Boxen, weil du ein Kopftuch trägst? Ich bin schockiert! 

Zeina: Offiziell darf ich noch nicht bei Olympischen Spielen teilnehmen, weil es Wettkampfbestimmungen gibt, die besagen, dass der Hals frei sein muss. Es wird auch genau gemessen, wie viel Knie ich da zeigen muss.

Das Ding ist, es gibt ja nicht mal einen Nachteil für meine Gegnerin. Wenn dann hab ich einen Nachteil, weil ich so viele Sachen trage. Das ist letztlich meine Entscheidung. Und außerdem trainiere ich so hart, dass ich da eigentlich super gute Chancen hab. Vor allem ist mein Stil sehr interessant, ich boxe sehr unorthodox. Meine Hände sind nicht hier oben [zur Deckung, d. Red.], sondern weiter unten. Dafür bin ich relativ schnell.

Kritik in Stärke umwandeln

Weiß du, an wen du mich erinnerst? Mohammed Ali, der hat seine Deckung auch nicht gehalten. Der hat getänzelt und der hat provoziert.

Zeina: Mohammed Ali ist für mich eine der größten Legenden! Beim Boxen geht’s tatsächlich nicht ums Prügeln. Für mich besteht so ein Boxwettkampf aus 70 Prozent Kopfsache und 30 Prozent Kraft. Du kannst mit einer guten Taktik den Kampf halt wirklich gewinnen. Das ist dieses schnelle und schlaue Handeln, schnell reagieren und deine Gegnerin in der ersten Runde kennenzulernen. Das Wichtigste ist, dass du deine Emotionen unter Kontrolle hast und dich nicht ärgern lässt, wenn du mal einen Schlag abbekommst. Und das ist so geil, diese mentale Stärke ist so besonders am Boxen.

Boxerin Zeina Nassar

Ich glaube, dass du so stark bist, weil du mental so viel durchmachen musstest. Du hast viele Herausforderungen im Alltag, du wirst beäugt und natürlich auch beleidigt. Das alles spielt ja auch eine Rolle – liege ich da richtig?

Zeina: Ja, aber es ist so, dass ich mit öffentlichem Druck mittlerweile ziemlich gut umgehen kann. Früher hat es mich sehr verletzt, wenn ich mir etwas anhören musste, was ich einfach nicht nachvollziehen konnte. Zum Beispiel von einer Frau, die mir den Tod gewünscht hat, weil ich boxe und dann noch das Kopftuch trage. Aber mittlerweile ignoriere ich das, ich werde von anderen Menschen verteidigt oder ich lese mir die Nachrichten durch und denke mir „Aha, dir zeig ich’s jetzt aber erst recht!“. Also das ist für mich wirklich eine Motivation und das versuche ich weiterzugeben.

Was sonst noch beim MADE FOR MORE AWARD passiert ist? Hier entdecken!

Diese Beiträge könnten dich auch noch interessieren